Die Parabel vom Kanaldeckel.

Du verlässt es nicht, dein Gefängnis. Deinen dir selbst auferlegten Arrest. Deine Zelle aus Luft. Dein Alcatraz unter freiem Himmel. Hier. Mitten auf dem Gehsteig.

Beton und Zäune nur in deinem Kopf, markiert durch einen schmalen gusseisernen Ring. Hier. Mitten im pulsierenden Leben der großen Stadt. Wenn du schläfst, schläfst du im Stehen, oder in der Hocke, mit den Händen abgestützt. Manchmal wenn du schwach bist, von Wind und Wetter geschunden, kauerst du seltsam zusammen, wie ein Tier beim Winterschlaf, verkeilst den Kopf zwischen den Knien. Weinst wie ein Baby.

Aber wenn du wachst, dann stehst du da wie ein Soldat. Egal wie es dir geht. Tag ein. Tag aus. Winter wie Sommer. Ein Fels.

Du verteidigst deinen winzigen Platz. Deine Heimat. Mit allen Mitteln. Mit Händen und Füßen. Mit lautem Gebrüll. Hältst Wache, gegen unachtsame Fußgänger, gegen pinkelnde Hunde, pöbelnde Jugendliche. Gegen die Straßenreinigung. Wirfst mit allem, was du in einer Armlänge finden kannst. Kleine Steinchen, Abfall. Hundekot.

Aber trotz allem du bist beliebt. Die Menschen fotografieren dich. Schieben dir etwas zum Essen hin. Rollen dir Flaschen mit Wasser oder Wein herüber. So jemanden wie dich, sieht man selten.Du bist bekannt wie ein bunter Hund.

„Es hilft alles nichts, wir müssen da jetzt mal dran!“, sagte kürzlich ein Herr von den Stadtwerken.

„Nur über meine Leiche“, hast du sie zwischen die Zähne hindurch angefaucht und dich mit den Fingern noch fester an deinem Kanaldeckelring festgeklammert.

So fing es an. Irgendwie. Vor ein paar Jahren.

Aber jetzt ist das Fernsehen da. Erst kam ein Sender, dann der Zweite, dann die ganze internationale Presse. Eine gigantische Medienschar. Radio. Zeitung. Internet.

Den Bereich um deine kleine Festung haben Sie großräumig abgesperrt, damit der Verkehr nicht zum erliegen kommt. Neben den Würstchenbuden, die im Umfeld deines Platzes entstanden sind, wurde ein Pressezentrum eingerichtet. Ein argentinischer Kanal hat sogar eine 24-Stunden-Sendung über dich im Programm. -Un metro cuadrado-, Leben auf einem Meter im Quadrat oder so heißt sie. Die Kinder wollen Autogramme, die Frauen Haarsträhnen von deinem hüftlangem und zerzausten Bart. Du bist ein Star.

Andere tun es dir sogar nach, besetzen ebenfalls für den einen oder anderen Kanaldeckel. Fragen dich, was sie tun sollen. Nennen dich Meister. Vater. Lehrer. Denn für sie bist du eine Art Guru. Ein Eremit in Vollendung.

„Geht endlich nach Hause“, flehst du in die Kamera.

„Nach Hause“, wiederholt die Menge, die mit nichts außer einem Betttuch bekleidet um deinen Quadratmeter herum steht.

„Ihr habt wohl nichts besseres zu tun.“, fauchst du in die Kamera.

„…Besseres tun. Besseres tun….“, betet die Menge.

„Das ist ja zum Verrückt werden“, jammerst du.

„…Verrückt werden. Verrückt werden. Verrückt werden…“.

Ganz recht. Du drehst dich noch einmal prüfend im Kreis herum, verlässt dann mit einem kleinen Sprung dein imaginäres quadratmetergroßes Gefängnis, bahnst deinen Weg durch die Schaulustigen und gehst fort. Einfach so.

Die Menge bleibt mit staunendem Blick zurück.

Noch während des Abbaus der Scheinwerferanlagen und Mikrofone, stürzt ein argentinischer Kabelträger in den jetzt unbewachten Kanalschacht und bricht sich das Genick.

So ist das.

 



Die Parabel vom Flowerpowerkind.

Marlies ist Jahrgang Achtundsechzig. Flowerpowerkind. Immer alles anders machen. Krankhafter Verfolgungs- und Antiwahn. Drei Schachteln Zigaretten am Tag lassen Sie aussehen, wie eine Achtundfünzzigerin.

Vorher war sie Chanteuse. „Toll“, sagte ich seinerzeit.

Unmelodischer Sprechgesang zur Bert Brecht, den keiner mehr hören will.

Jetzt nennt Sie sich Aktrice. „Toll“, sage ich wieder.

Sie wälzt sich auf den Brettern schlecht besuchter Kleinkunstbühnen, beschmiert ihren nackten Leib mit Fastfood und stößt spitze Schreie aus. „Vegan“, schreit sie, die Marlies.

Was immer das bedeuten soll.

Eine ziemliche Schlampe, diese Marlies.

Thomas ist Jahrgang Neunundsechzig. Flowerpowerkind. Immer alles anders machen.

Krankhafter Kontroll- und Waschzwang. Drei Flaschen Bier am Tag lassen Ihn aussehen, wie ein Achtundfünfziger.

Vorher war er Anlageberater. „Toll“, sagte ich seinerzeit.

Alten Damen die Ersparnisse verzocken. Und das in einer Provinzfiliale der Volksbank.

Jetzt nennt er sich Landtagsabgeordneter. „Toll“, sage ich wieder.

Er tingelt durch die Dorfkneipen um sein Mandat verlängert zu bekommen. Verkauft sich für ein Pressebild mit der Dorfjugend.

Ein ziemlicher Spacko, dieser Thomas.

Obwohl. Ich werde ihn anrufen und fragen, ob man nicht diese Theaterbühnen schließen sollte um etwas einsparen zu können. „Da geht ja ohnehin keiner hin“, werde ich ihm sagen.

Bei der nächsten Wahl wähle ich den Thomas. Weil. Der tut was.

 

 

Die Parabel der Privatisierung

Ich sage:

„Wenn Sie sich Hilfe erwarten. Vergessen Sie es. Wenn Ihnen nach Reden zu Mute ist. Vergessen Sie es. Wenn Sie emotional am Boden liegen, einen Selbstmord planen.

Ich bin nicht da. Nicht für Sie.

Und das obwohl meine Leitung ganze sieben Stunden am Tag frei geschaltet ist. Von neun bis fünf. Vollzeit. Eine Stunde davon bin ich zu Tisch. Versuchen Sie niemals, mich in dieser Zeit anzurufen. Das Essen ist mir Heilig.

Sollten wirklich Verzweifelte unter Ihnen sein, so kann ich ihnen nur raten: Rufen Sie woanders an.

Aber Lassen Sie mich aus dem Spiel. Denken Sie nicht einmal daran. Denn ich kenne Sie.

Alles Totalversager, Schwächlinge und Vollidioten. Der heulende Haufen unter den Anrufern. Der Würgreiz und Abschaum der Telekommunikation.

Und dennoch: Wenn Sie mich anrufen werde ich freundlich sein. Werde jeder Formalität gerecht. Kümmere mich scheinbar liebevoll um Ihre Probleme. Interessiere mich für Ihre familiäre Situation. Ihre Beziehungen. Ihren Lebenswandel. Ihre Arbeitssituation und Einkommen. Interessiere mich für Sie. Dann, wenn es sonst niemand tut.

„Haben Sie Haustiere?“, frage ich.

„Gibt es Bezugspersonen?“.

„Trinken Sie Alkohol um Ihren Problemen zu entkommen?“.

Ich frage Sie all diesen ganzen Mist, obwohl es mich nicht interessiert.

Hake eine Frage nach der anderen auf meiner Liste ab. Nebenbei male ich Strichmännchen. Mit Brüsten und Genitalien. Riesengroß.

„Sind Sie Glücklich?“, frage ich und zeichne dabei Kugelschreiber-Mandalas. Konzentrische Ornamente konzentrierter Langeweile.

Denn eigentlich es mir egal ist, ob Sie sich die Pulsadern aufschneiden. An Handgelenken oder Füßen. Ob sie dabei den Einschnitt quer ansetzen. Oder längst der Ader, so wie es richtig wäre. Weil man es so aus Filmen lernt.

„Haben Sie irgendwelche Hobbys?“, frage ich, lege den Hörer beiseite und greife mir mit beiden Händen in den Schritt. Simuliere eine Masturbation. Wie Luftgitarre.

Es ist mir gleichgültig, ob Sie eine Familienpackung Schlaftabletten einwerfen und sich dann in die Wanne legen, nur damit Sie sich beim Todesschlaf nicht in die Hose machen. Auch das haben Sie aus Filmen gelernt. Ästhetisches Ableben nenne ich so etwas.

„Legen Sie wert auf gutes Aussehen?“

Es lässt mich kalt, wenn Sie sich die Rübe mit der .38er herunter schießen, nur um einmal die blutige Aufmerksam auf sich zu ziehen.

„Sind Sie ein romantischer Typ?“, frage ich.

Dabei sind wir geschult. Wir wissen genau: Nur kleine Mädchen drohen damit, ins Wasser zu gehen. Erzählen Sie mir also keine Lügen.

Trotz alle dem werde ich versuchen, Ihnen einen emotionalen Zugang zu legen. Eine emotionale Infusion. Werde ein geheimes Hintertürchen in Ihr idiotisches Gehirn einbauen.

Klopf, Klopf. Kommen Sie nur herein und machen Sie es sich bequem.

„Wir sollten noch häufiger miteinander reden“, sage ich am Ende eines Gespräches,„Machen Sie es möglich“, bitte ich.

„Sie sind ein guter Mensch“, sage ich.

„Sie machen mich glücklich“, lüge ich.

Checklisten funktionieren so.

Dann lege ich einen Folgetermin fest, damit Sie sich auf etwas freuen können. Dann werde ich Ihnen die andere Hälfte der dämlichen Fragen stellen, die mich ebenfalls einen Scheiß interessieren.

„Wie gehen Sie mit Konflikten um?“

„Mit welchen Dingen erfreuen Sie sich?“

„Wie leben Sie ihre Sexualität?“.

Aber nicht von zwölf bis eins. Die Mittagszeit ist mir Heilig.

Dann biete ich Ihnen das Du an, damit Sie glaubhaft denken, wenigsten einen Freund zu haben. Sie dämlicher Idiot. Du dämlicher Idiot.

Und jedes Mal wenn Sie aufgelegt haben, wünsche ich mir von Herzen Sie würden sich noch in dieser Nacht den Strick nehmen, aus dem dritten Stock springen oder sich einfach nur in ein rostiges Brotmesser stürzen. Dann brauchte ich den Folgetermin nicht wahrnehmen.

Denn auf der Klaviatur der Telefonanlage blinken die nächsten Todeskandidaten als kleine bunte Lampen. Mehr sind Sie nicht.

Kleine blinkende Lampen. Rot. Weiß. Oder Grün.“

„Rot, weiß oder grün“, wiederhole ich.

Genau das sage ich den Leuten.

- Schweigen.

Die Klinikleiterin blinzelt über ihre rahmenlose Halbbrille und kaut sich eine kleine Ecke ihrer lackierten Fingernägel ab.

„Und die Leute kaufen Ihnen das ab?“, fragt sie.

„Ja.“, antworte ich knapp, „selbstverständlich“

Sie müssen wissen. Mit dieser Methode bin ich der Beste geworden. Der Beste Call-Center-Psychologe aller Zeiten. Söldner der Psychologie. Die autodidaktische Suizidstopperelite. Eine Quote von 100%. Keine Selbstmörder in meiner Akte. Keine Brückenspringer, keine Schienenleger oder Säurebader. Nichts. Niemand. Lupenrein.

Nun. Ich bin jeden Cent wert. Was kann ich für Sie tun?

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(c) Denny Laquette 2017