Flugvergiftung

(Der Teil eines Ganzen)
Keine Stimme aus dem Funkgerät, kein Piepen. Nur das dumpfe Brummen der Triebwerke.

Mittagszeit.

Die halbvollen Tabletts stehen noch auf den Klapptischen. Im Gang vor der Teeküche liegen zwei Stewardessen und ein Steward. Die Anzüge mit den Halstüchlein noch immer ganz adrett. Die Augen aber so verdreht, dass man nur noch das Weiße sieht. Die Zungen hängen dick und blau aus ihren offenen Mündern. Kein schöner Anblick und eigentlich müsste es doch noch Kaffee geben.

Herr Weidler fragt mich, seit wann Männer auch Stewardessen werden können und ich bitte ihn, lieber nach einem Knopf zu suchen auf dem etwas wie „Funkgerät“ steht. Tausend Knöpfe, mit tausend Bezeichnungen, aber alles nur auf Englisch.

Hätte ich doch nur einen Englischkurs besucht. Oder besser noch, direkt einen Pilotenschein gemacht.

Zumindest aber hätte ich die 20.00 Uhr Maschine nehmen sollen.

Dafür ist es jetzt zu spät.

Herr Weidler jubelt, dass ihm seine Allergien nun doch einmal das Leben gerettet haben.

Ich kläre ihn auf, dass wir uns noch immer tausende von Metern über dem offenen Ozean befinden und dass er sich nicht zu früh freuen solle.

Eine zusätzliche rote Lampe blinkt auf. Throttle-Irgendwas.

Herr Weidler zuckt nur mit den Achseln.

„Es ist nicht zu glauben, dass alle an Bord gebrachten Speisen verdorben gewesen sind“, sagt er, „oder vielleicht vergiftet.“

Sogar den Pilot und den Copiloten hat es getroffen, obwohl sie aus Sicherheitsgründen angeblich immer unterschiedliche Speisen bekommen.

Nur wir sind verschont geblieben, Herr Weidler und ich.

„Nein, ich darf nichts essen“, hat er zur Stewardess gesagt. Gott habe sie seelig.

„Allergien“, hat er gesagt, der Herr Weidler. Er saß zufällig neben mir in Reihe 7. Fensterplatz.

Ich hatte einfach nur keinen Appetit.

Wahrscheinlich haben die Stewardessen und der Steward meine Portion unter sich aufgeteilt.

Pech gehabt.

Nur wenige Meter hinter uns, direkt hinter der schusssicheren Terror-Schutztüre und den schweren Vorhängen aus feuerfestem Stoff sitzen 178 Tote wie Crashpuppen in ihren Sitzen, teils noch die Kopfhörer auf den Ohren und die Gabeln in den Händen.

In der ersten Klasse sind diese aus echtem Silber, sagt man.

Bei Mittagsflügen sind alle Passagiere hungrig, da nimmt sich jeder etwas.

Nur Herr Weidler und ich nicht. Verrückt.

Die 737 fliegt wie ein riesiger Sarg unbeeindruckt der Sonne entgegen und die vielen bunten, analogen und digitalen Anzeigen sind für uns nicht mehr als kryptische Rätsel. Auf einem kleinen Bildschirm laufen Buchstabenreihen, die auch niemand verstehen kann.

Zumindest Herr Weidler und ich verstehen sie nicht.

Auf den Bordfernsehern läuft noch der Spielfilm. Doris Day singt „Que Sera“ durch die Kopfhörer direkt in die Köpfe mit den blauen Zungen. Keine gute Werbung für die Fluggesellschaft.

Herr Weidler behauptet, aus Bordfilmen würden die Szenen mit Flugzeugabstürzen und anderen Katastrophen herausgeschnitten, damit keine Panik ausbricht.

Ich beruhige ihn, dass hier niemand mehr in Panik gerät. Außer mir vielleicht.

Eine grüne Lampe flackert. Eine Blaue erlischt um gleich wieder aufzublinken.

Ich probiere das eine oder andere Knöpfchen aus und rufe immer wieder „Mayday, Mayday“, was immer dieses Mayday auch bedeuten mag.

Herr Weidler ermahnt mich, ich solle die Finger von den Armaturen lassen.

Wir könnten uns lieber auf den Autopiloten verlassen.

„Der fliegt uns schon nach hause“, sagt er.

„Und was ist, wenn wir den Kurs wechseln müssen, um nicht ins unendliche Blau zu fliegen“, frage ich ihn, „ins Nirvana“.

„In den Weltraum zum Ersticken?“.

Herr Weidler schmollt auf dem Schoß des Copiloten.

Ich überlege was „Tankanzeige“ auf Englisch heißen könnte. Das Cockpit ist enger als es mir lieb ist und ich bitte Herrn Weidler, zumindest die Augen der beiden Piloten zu verschließen, da sich diese mittlerweile eintrüben.

„Wir müssen unser Testament auf dem Flugschreiber hinterlassen“, meint Herr Weidler.

Ich verspreche ihm, auch noch nach diesem Gerät zu suchen, wenn ich herausgefunden habe, wie man einen Notruf absetzt.

„Das funktioniert. Ich habe das in einem Film gesehen“, sagt Herr Weidler.

„Klugscheißer“, nenne ich ihn und brülle dann erneut „Mayday Mayday“ in ein kleines Gitter, das wie ein Mikrophon aussieht. Ich frage ihn, ob diese Szenen nicht üblicherweise aus den Katastrophenfilmen herausgeschnitten werden

„Mayday! Zum Teufel“.

Keine Antwort.

Die nächsten vierhundert Meilen
Herr Weidler hofft noch immer auf eine kontrollierte vollautomatische Landung durch den Bordcomputer. Ich bevorzuge mittlerweile den Eintritt in die Schwerelosigkeit mit einem späteren Verglühen in der Erdatmosphäre. Sternschnuppen werden so gemacht.

Wünsch dir was.

Herr Weidler sagt, er bekäme langsam Hunger und ich frage ihn, wie er ans Essen denken könnte, wo doch die Piloten bereits aus allen Öffnungen übel zu riechen beginnen. Er sagt, er habe nicht nur Allergien, sondern auch noch einen genetischen Defekt der Riechorgane. Nasenirgendwas.

Es interessiert mich nicht.

„Super“, sage ich stattdessen und bemühe mich verstärkt durch den Mund zu atmen. Nach etwa einer Viertelstunde bekomme ich Halsschmerzen, schiebe dies aber auf die Klimaanlage, die mittlerweile den Gestank von 183 Leichen durch das System zirkulieren lässt. Herr Weidler blickt aus dem Fenster und entdeckt Südseeatolle, die wie Perlenketten langsam unter uns durchziehen. Man hat den Eindruck, sich kaum zu bewegen. Das Gefühl von Schrittgeschwindigkeit. Zeitlupe. Dabei rasen wir mit hunderten von Stundenkilometern unserem Ende entgegen.

Zielen bereits auf den von uns zu schlagenden Krater.

„Glauben Sie an Vorherbestimmung?“, fragt mich Herr Weidler. Ich sehe vor dem geistigen Auge die Schaulustigen, die am Kraterrand unsere Gliedmaßen sortieren. Arme, Beine. Goldzähne. Armbanduhren. Verkohlte Teddys. Solche Bilder machen sich gut in den 17.00 Uhr Nachrichten. Woanders ist es vielleicht gerade 8.00 Uhr. Kaffeezeit. Irgendwo ist immer Ortszeit. „Scheiß drauf“, brülle ich und nehme mir eine Cola aus dem Kühlschrank. Ich prüfe diese aber trotzdem heimlich auf äußerliche Unversehrtheit. Nadeleinstiche, Bohrungen oder ein falscher Deckel. Alles möglich.

Ausgeburten kranker Geister.

Kaum trinke ich den ersten Schluck, muss ich mit ansehen, wie sich Herr Weidler über das Handgepäck der 1. Klasse her macht.

„Geht’s noch?“, rufe ich durch den Gang mit den verkrümmten Leibern der Stewardessen und bekomme nur ein „Hunger“, zurück. Herr Weidler rechtfertigt sich, dass er hofft, in irgendeiner Tasche einen Schokoriegel, einen Apfel oder ein Pausenbrot finden zu können. Etwas, das nicht vergiftet ist. Etwas, gegen das er nicht allergisch ist.

„Guten Appetit“, wünsche ich ihm.

Ich werde besser ein paar Decken suchen, um wenigstens

die Passagiere in den ersten Reihen abzudecken.

Weitere zweihundert Meilen
Wenn meine Uhr noch richtig geht, haben wir den Zeitpunkt für unsere planmäßige Landung längst überschritten. Eigentlich müssten wir jetzt alle schon mit unseren Koffern und dem Handgepäck in der Ankunftshalle stehen. Lächeln. Müssten jetzt schon einen Mietwagen quittieren. Die Oma drücken. Küsschen geben.

Wahrscheinlich tippen stattdessen die Angehörigen und Geschäftspartner bereits auf ihre Uhren, beschweren sich bei der Fluggesellschaft und verfluchen die Gewerkschaften. Das Taxi wartet, die Parkuhr läuft. Zeit ist Geld. Jemand anderes braucht dringend seine Vertragsunterlagen. Oder sein Spenderherz. Neue Nieren. Das alles soll uns hier nicht stören. Die Hoffnung auf den Autopiloten hat auch Herr Weidler mittlerweile aufgegeben. „Aber, solange wir noch fliegen“, sagt er, „droht uns keine Gefahr.“ „Natürlich, nicht“, bestätige ich und suche nach etwas, was ich ihm ins Gesicht werfen kann. „Sicher wie in Mutters Schoß“, sage ich. Ich versuche erneut eine sinnvolle Bezeichnung in dem Mosaik der bunten Knöpfe zu finden. Alles verschwimmt vor meinen Augen. Tränen.

Der Gestank beißt mittlerweile in der Nase. Die Sonne taucht glutrot in den Ozean und zeigt uns gnadenlos an, dass wir überfällig und geliefert sind.

Es ist also Zeit, sich neuen Mut zu machen. Mit Sicherheit sitzt irgendwo ein Fluglotse, der unsere Flugbahn auf dem Bildschirm verfolgt. Sanft und liebevoll streichelt dieser mit dem Finger über die Mattscheibe, ohne uns aus den Augen zu lassen.

Dort sitzt jemand, dem jede Abweichung auffallen wird. Jemand der uns beschützt. Jemand der wacht. Der ständig bei uns ist. Jemand wie Gott.

„Vielleicht entsenden die bald eine Staffel mit Kampfpiloten“, ruft Herr Weidler aus der Bordküche. Weiß der Himmel, was er dort schon wieder anstellt.

Seitdem sich der Bauch des Copiloten bis zum Bersten aufgebläht hat und zu platzen droht, weigert sich Herr Weidler strikt das Cockpit zu betreten. Vielleicht liegt er damit sogar richtig.

„Abschießen können wir uns selbst“, rufe ich zurück und verweise auf die Waffe des Skymarshalls, der hier ebenfalls seine Ruhe gefunden hat.

Einer von den 178. Einer der Verdammten. Einer von uns.

„Die Marshalls sind vorgeschrieben“, behauptete Herr Weidler.

Bei allem Respekt, ich schwöre diese Waffe zu finden und auch zu benutzen, wenn Herr Weidler nicht endlich still ist.

Einbruch der Nacht und hundert Meilen später
Albträume. Ich schlafe ein, um gleich wieder hochzuschrecken. Zumindest kommt es mir so vor. Aber Zeit zählt nicht viel wenn du keine Termine hast. Wenn keiner zu Besuch kommt oder du nichts im Fernsehen verpassen kannst.

Ich träume. Herr Weidler drückt den Steuerhebel wie ein Kamikazepilot nach unten. Im Cockpit melden gleich ein Dutzend Knöpfe Alarm. Übertönt nur von einem ohrenbetäubenden Pfeifen der Triebwerke. Ächzende Tragflächen. Material im Grenzbereich. Berstende Strukturen. Kriegszustand.

Das Leben in Zeitraffer. Kopfüber.

Kurz vor dem Aufprall bin ich hellwach. Im Kopfhörer singt ein Zwergenchor. Heile Welt. Auf dem Bordfernseher läuft, nicht ganz lippensynchron, der Zauberer von OZ.

Filme für Flugzeuge werden nachsynchronisiert um die Stellen mit Aggressionspotential umzutexten, jeder Szene wird von Psychologen analysiert und freigegeben. Lammfrommes Gewäsch.

Die kleine Dorothy will wieder nach Hause. Ihr kleiner Hund auch. Genau wie wir.

Ich reiße die Hörer vom Kopf und werfe sie über die Schulter. Scheiß auf die Zwerge. Scheiß auf Kansas.

Schlafe wieder ein und träume. Herr Weidler will mit Gewalt eine der hinteren Notausstiegstüren öffnen. Er hält eine Eisenstange in der Hand und fragt mich, ob ich ihm helfen könne. Ich bin hellwach. Schlafe wieder ein.

Erwache, weil er mit einem Fallschirm auf dem Rücken eine Plexiglasscheibe einritt. Im Traum trägt er rubinbesetzte Slippers, der Herr Weidler. Komisch.

Erwache, weil er sich an den weiblichen Leichen zu schaffen macht, niederer Triebe wegen.

Aber in Wirklichkeit schläft er ganz friedlich, der Herr Weidler. In einer der unbesetzten Reihen ist er mit dem Kopfhörer auf den Ohren eingeschlafen.

Dazu singt ein Blechmann eine Schnulze. Herzzerreißend.

Damit dürfte Herr Weidler für den Moment keine Gefahr darstellen.

Jetzt einfach versuchen sich nach Hause zu denken. Die Hacken klicken, wie Dorothy. Zu Mutters Kuchen. Zur neuen Stereoanlage. Zur Sammlung alter Autozeitschriften. Zu all dem nutzlosen Krempel.

Zwischenbericht
Die Leichen starren noch immer mit offenen Mündern auf die Bordfernseher und sehen aus, als würden sie sich intensiv auf den Film konzentrieren. Wenn man genau hinsieht, haben manche von ihnen ein Lächeln auf dem erstarrten Gesicht.

Mit den Tabletts vor den geblähten Bäuchen ist es fast wie zu Lebzeiten. Eigentlich fehlen nur Pantoffeln und Fernbedienung.

„Die haben doch ihr ganzes Leben fern gesehen.“, bedauert Herr Weidler, „und jetzt? Für immer.“

Wie ein Standbild aus dem Alltag. Fixiert und archiviert. Ein Gemälde für die Nachwelt. Sieh nur, das bist du. Und du.

Es erscheint mir sonderbar, dass Herr Weidler jetzt noch mit mir über den Sinn des Lebens philosophieren will.

„Da kommen Sie aber früh mit an“, sage ich zu ihm, „jetzt, wo es aus ist.“

„Es ist doch nie ganz aus“, antwortet Herr Weidler.

„Reinkarnist?“, frage ich.

„Kennen sie den Film?“, weicht er aus und zeigt auf den Bildschirm.

Ein Trickfilm mit Kätzchen.

„Natürlich kenne ich den Film“, gestehe ich ein.

„Sehen Sie?“, fragt er mich, „Ist das wichtig?“

Der Sinn des Lebens offenbart sich erst wenn man stirbt.

Es wäre der richtige Moment einmal kurz Inne zu halten, denn wir stehen kurz davor alles zu erfahren. Zu erfahren was der ganze Trick bei der Sache ist.

„Denken Sie auch wir sind Auserwählte?“, fragt Herr Weidler.

„Nur weil wir unsere Plastikteller nicht leer gegessen haben?“, kürze ich ihn, „mit Sicherheit nicht.“

„Wir sind bestimmt Auserwählte“.

„Fragt sich nur für was“, gebe ich ihm zu denken.
Die letzten fünf Meilen

Herr Weidler meint, ich solle doch noch einmal im Cockpit nach dem Rechten sehen, was immer das auch bringen soll.

„Der hat keinen Mumm in den Knochen, der Herr Weidler“, denke ich laut, halte mir den Arm vor Mund und Nase und stoße mit dem Fuß die Türe auf. Der Blick nach vorne ist frei.

Das Mondlicht spiegelt sich weiß auf dem glatten Ozean, dahinter unendliches schwarz. Festland. Man kann einzelne Palmen auf einem weißen Sandstrand erkennen und wir fliegen bereits in niedriger Höhe direkt darauf zu

Wären da nicht all die blinkenden Knöpfe, Lampen und Armaturen und das Schrillen der Alarmsignale, könnte dies eine Postkartenidylle sein. Südseeurlaub mit Baströckchen.

Noch bevor ich über die Konsequenzen unserer Flughöhe nachdenken kann, gleiten wir bereits niedrig über die Wipfel der ersten Bäume. Urwald.

Das Flugzeug wird von einzelnen Schlägen erschüttert. Nachtvögel, die gegen das Flugzeug prallen. Flughunde. Fledermäuse. Kleine Monster, die wie Mücken auf der Frontscheibe zerplatzen.

Ich renne nach hinten und fordere Herrn Weidler nachdringlich auf, sich sofort hinzusetzen und anzuschnallen.

Wenn man in Stresssituationen die Ruhe behält, qualifiziert einen dies zur Führungspersönlichkeit. Wer dann noch wie wir über Leichen steigen kann, könnte sogar Kriegherr werden. Diktator.

Bringen Sie Ihre Lehnen in die Senkrechte. Stellen Sie das Rauchen ein, wenn sie noch damit aufhören können. Jetzt wäre die richtige Gelegenheit dafür. Schwimmwesten werden sie nicht brauchen, aber es ist gut zu wissen, dass welche da sind.

Die Notausgänge befinden sich zur Linken und zur Rechten. Wo immer sie auch sitzen, sie sind dabei. Mittendrin.

Ich kehre zurück auf meinen Platz in Reihe 7, rein symbolisch.

Fensterplatz mit Waldblick.

Ein schöner Platz zum Sterben.

Ich rufe Herrn Weidler zu, dass wir in den Urwald stürzen werden. „Wir sind schon auf Höhe-Null“. Ich höre mich an, wie die Szene, die üblicherweise aus dem Film herausgeschnitten wird. Poltern unter der Kabine.

„Das ist gut“, sagt Herr Weidler, „ dann landen wir zwischen weichen Ästen, die uns langsam abbremsen. Lianen werden uns auffangen und sanft zu Boden tragen.“

Grenzenloser Optimismus eines Wahnsinnigen.

„Ja. Das wird toll“, rufe ich zurück, als ich zwischen den Schlägen einzelner Baumspitzen kurz Gelegenheit dazu habe.

„Mitten in das Dorf von Eingeborenen.“, philosophiert er laut, „zu Menschen, die noch keinen Kontakt zur modernen Welt hatten, die uns vom Himmel kommen sehen.“

Cargo-Kult. Götterboten Ihrer Ahnen, Zivilisationsgeschenke in Blech verpackt.

„Wir kommen vom Himmel, wie Götter“, kichert Herr Weidler, „Götter!“

Die Schläge bremsen die Geschwindigkeit ruckweise ab.

Wie riesige Schlaglöcher, nur anders herum.

Ich stelle mir vor wie die Baumstämme den Rumpf wie eine Thunfischdose öffnen und das Blech von vorne nach hinten rollen. Die Koffer als eine bunte Schnur über dem Urwald verteilt, an jedem Ast ein kleiner Fetzen.

„Götter, wir sind Götter“, lacht Herr Weidler laut.

Wir überbringen aber den Eingeborenen nicht nur schöne Kleidung oder Schmuck, sondern auch 183 aufgedunsene Leichen in hässlichen Hawaiihemden. Jede mit einer blauen Zunge, die einen halben Meter aus dem stinkenden Rachen hängt. Nein, danke.

„Cargo-Kult, was? Eher Totenkult.“, erwidere ich im Stakkato, denn ein Schlag folgt auf den nächsten.

„Wir sind Leichenwagenfahrer, die durch die Wand ins Wohnzimmer fahren werden“,rufe ich zurück und schütze meinen Kopf mit den Armen über meinen Knien. Die unangeschnallten Leichen fliegen und rutschen durch die Gänge. Zierlichere Körper gleiten von hinten nach vorne unter den Sitzen hindurch. Eine Fratze nach der anderen blickt einen von unten zwischen den Knien an, streckt einem die blaue Zunge entgegen. Horrorshow.

Blätter und Äste jagen wie graue Schatten über die Plexiglasscheiben. Geister.

Kratzen und Ächzen. Ohrenbetäubend.

„Wir werden Götter“, frohlockt Herr Weidler.

Die linke Tragfläche reißt ab, zumindest hört es sich so an. Das Flugzeug legt sich langsam auf die Seite. Ich frage mich, ob ich meine Versicherungspolicen bezahlt habe, ob zuhause auf der Kommode noch intime Briefe liegen, ob ich saubere Unterwäsche trage.

Das Licht erlischt.

Auf dem Bordfernseher singt wieder Doris Day.

Es tanzt und lacht die ganze Welt.

„So muss die Hölle sein“, flüstere ich zu mir

„Sind wir schon da?“, fragt Herr Weidler noch.

Dann werde ich ohnmächtig, zumindest kommt es mir so vor.

Ankunft

Als ich wieder zu mir komme, hänge ich kopfüber in meinem Gurt und klebe mit dem Gesicht an der Plexiglasscheibe. Blut und eingetrockneter Schleim haften besser als mir lieb ist.

Mit dem Daumen putze ich einen Sehschlitz in das Fester. Draußen, nichts als Farne und Blätter. Wald. Wald und Matsch. Jede Menge Matsch.

Und dazwischen steht der Herr Weidler auf einer kleinen Lichtung und winkt.

Er sieht aus wie frisch rasiert und gebügelt und zeigt mir mit Armen und Beinen, dass ich irgendwo weiter vorne aus dem Flugzeug raus kommen soll.

Nicht totzukriegen dieser Herr Weidler.

Ich löse den Gurt mit einem Ruck und rolle mich über meine Schulter unten auf dem Gepäckkästen ab, der sonst oben ist. Jetzt aber stehen die Klappen offen und das Handgepäck liegt überall verstreut.

Wenn ich wieder zuhause bin, werde ich der Fluggesellschaft schreiben, welche gefährlichen Gegenstände die Leute mit in ihrem Handgepäck führen. Haarbürsten und Deoroller. Lippenstifte und Nagelfeilen. Füllfederhalter. Kleine harte Geschosse, die durch die Kabine geflogen und überall stecken geblieben sind, teilweise auch in den Leichen.

Fahren sie keine ungesicherten Teile im Auto spazieren.

Ein Dackel auf der Hutablage kann dir das Genick brechen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit wird selbst ein Päckchen Kaugummi zum tödlichen Projektil. Jeder weiß das.

Der Gang zwischen den Sitzen ist verdammt eng geworden, da er bis zur Mitte mit Leichen und Gepäck verschüttet ist und zudem noch auf dem Kopf steht. Ich versuche zwischen den Leibern auf die freien Kunststoffverkleidungen zu treten. Halte mich an den Armlehnen der hängenden Sitze fest. Überall offene Wunden. Innereien. Weiße Bäuche. Behaarte Beine.

Freiliegende Brüste und Genitalien interessieren dich nicht mehr, wenn oben kein Kopf mehr drauf ist.

Ich stolpere Schritt für Schritt, schneller und schneller nach vorne.

Und tatsächlich, direkt hinter dem Cockpit ist die Kabine über eine Länge von mehreren Metern aufgerissen. Auf der linken Seite, die jetzt rechts ist, kann man ohne Problem ins Freie gelangen.

„Sehen Sie?“, ruft Herr Weidler „War doch ein Spaziergang“.

Das muß man sich einmal vorstellen. Da hat man eine Massenvergiftung und einen Flugzeugabsturz überlebt und steht doch wieder nur irgendwo im Nirgendwo. Keine Straße. Kein Telefon. Dusche? Fehlanzeige.

Man denkt es könnte nicht mehr schlimmer werden, da fragt dich Herr Weidler auch noch, ob du auch Hunger auf gegrillten Kuskus hättest.

Was immer da auch für ein Tierchen auf dem selbstgebauten Grill aus Flugzeugfelge und Lüftungsgitter liegt, „Nein, Danke.“.

Lieber suche ich meinen Körper nach Verletzungen ab. Arme, Beine, Genitalien. Zwei, zwei, eins. Alles da.

„Sehen Sie?“, triumphiert der Herr Weidler, „Nicht eine Schramme!“

Er klopft sich ebenfalls mit den Händen auf Brust und Bauch.

„Wir sind Auserwählte“, fügt er stolz hinzu, „glauben sie mir endlich“.

Langsam beginne auch ich mich mit diesem Gedanken abzufinden.

„Wir sind die Speerspitze eines neuen Glaubens!“, ruft Herr Weidler in die Dunkelheit des Unterholzes.

Schnell schiebe ich ein Stück gebogenes Blech unter die Tragfläche, damit nichts von dem auslaufenden Kerosin in den Urwaldboden tropft.

„Die Phalanx Gottes!“, ruft er.

Nichts ist grausamer als die Wahrheit.
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(c) Denny Laquette 2017