Erleuchtung 

Eine Stimme aus dem Inneren eines Betonmischers sagt: „Ach du Scheiße!“ und verstummt.

Wenn Sie diese Geschichte gelesen haben, werden Sie mich für verrückt erklären. Sie werden den Kopf schütteln und sich für einen Moment daran erfreuen, dass Sie, im Gegensatz zu mir, so recht normal sind. Das Ihr Gehirn glücklicherweise richtig funktioniert und Sie sich Ihrer Sinne sicher seien können.

Wenn Sie also diese Geschichte gelesen haben, den Kopf geschüttelt, und sich einen Moment daran erfreut haben, so schön normal zu sein, werden Sie wieder Ihrem Alltag nachgehen. Sie werden das tun, was Sie sonst auch immer tun. Autokataloge studieren, Marmeladenbrote schmieren, die Batterien an der Fernbedienung Ihres Fernsehers tauschen, oder Ihren Müll trennen. Die grünen Flaschen zu den Grünen, die Weißen zu den Weißen.

So lange bis sie irgendwann das zeitliche gesegnet haben und zusammen mit den ganzen anderen Flaschensortierern und Marmeladenbrotschmierern auf dem Zentralfriedhof ihre Gebeine strecken.

Aber eigentlich haben Sie diese Geschichte bereits gelesen und genau genommen ist schon eine Ewigkeit her, dass Sie den Kopf geschüttelt haben und kurz an ihrer Normalität erfreut haben. Den Müll haben Sie auch noch eine Weile getrennt und das eine oder andere Marmeladenbrot haben Sie auch noch verdrückt. Aber kurz nach dem Studieren der Autokataloge sind die rudimentären Reste Ihrer Gebeine von Milliarden Tonnen Geröll zerrieben und unter einer kilometerdicken Eisschicht für ein paar hunderttausend Jahre konserviert worden. Knrisch. Zusammen mit den Kunststoff-Spritzgussteilen Ihrer Fernbedienung, von Ihren Fingern blank polierter Plastik als ihre persönliche unvergängliche Hinterlassenschaft für eine vermeintliche Ewigkeit. Die wahrscheinlich einzige Konstante in dieser Geschichte.

Woher ist das weiß? Wieso sollte ich das gerade Ihnen erklären? Wo Sie mich doch ohnehin für verrückt erklären werden.

Nun. Um dieser Geschichte etwas mehr Seriosität zu verleihen, werde ich sie der Form halber als hypothetisch bezeichnen.

Also. Rein hypothetisch befindet sich unsere Aufenthalts-Koordinate nicht nur hier in der guten Stube, auch nicht irgendwo unter Gebirgen aus Eis, auch nicht wenige Meter über dem offenen Ozean, oder in einem stinkenden Urwald. Die Koordinate bleibt immer an der selben Stelle. Der eine Punkt im Raum, auf welchem Sie den Programmknopf der Fernbedienung drücken, oder welchen Sie mit einem Handkantenschlag in das Sofakissen markieren.

Rein hypothetisch ist der Punkt im Raum noch da, wenn Sie bereits einen halben Meter unter diesem Punkt liegen und mit blauem Gesicht nach Luft ringen und die Fernbedienung mit dem Telefon verwechseln und immer wieder den Notruf als Programmabfolge auf dem Fernseher schalten. Auch wenn man Sie eine Woche oder einen Monat später dort findet, weil sie nicht ans Telefon gegangen sind, oder der Nachbar sich über den Geruch im Treppenhaus beschwert, wenn auf Ihrem Fernseher noch immer steht, dass das Programm 112 nicht verfügbar ist, wenn man Sie in einem Beutel aus der Wohnung entfernt und den fauligen Teppich darunter gleich mit, wenn das Haus längst einem Einkaufscenter gewichen ist, und die ganze Stadt aufgrund der Plattentektonik einem sich auftürmenden Gebirgsmassiv platz macht, selbst dann ist der Punkt noch immer an der selben Stelle.

Was das alles mit der Geschichte zu tun hat? Einfach alles. Dazu kommen wir aber noch. Vergewissern Sie sich bitte nochmals, ob Ihr Gehirn tatsächlich einwandfrei funktioniert und Sie sich Ihrer Sinne wirklich sicher sein können.

Ja? Gut.

Die rein hypothetische Geschichte beginnt in der Vergangenheit des ebenfalls rein hypothetischen Jahres 2130, dem Jahr von nichts besonderem. Ein ganz normales Jahr in einer hypothetischen Zukunft. Damit Sie es sich leichter vorstellen können, fahren alle Autos elektrisch und alle tragen alberne bunte Plexiglashütchen, die Hunde werden an Laserstrahlen geführt und kleine Roboter entfernen sogleich den Kot auf dem chemisch reinen Bürgersteig. Ich bediene mich dieser plakativen Vorurteile, um Ihr Gehirn nicht unnötig zu strapazieren und da es ohnehin egal ist, da es ja sowieso hypothetisch ist. Also, in diesem Jahr ist nichts passiert, da Weltfrieden herrscht und unbegrenzte Energie zur Verfügung steht. Oder nichts, weil die Menschheit ausgerottet und Seekühe die Welt beherrschen, die bekanntermaßen friedlich, aber auch langweilig sind. Nichts, ist passiert außer vielleicht, dass John Maynard Schulz die Zeitmaschine erfunden hat. Nein, nicht erfunden. Eher gefunden. Denn zu einer ganz anderen Zeit wird diese Maschine zur Reise in die Zeit genutzt, welche unsere hypothetische Zukunft ist, beziehungsweise sein könnte, weil sie ja nur fiktiv ist.

Da stand diese Maschine also plötzlich vor John Maynard, der sich gerade ein Marmeladenbrot schmierte, oder mit dem bunten Plexiglashütchen auf dem Kopf den Elektroautokatalog wälzte, oder sich in einem Schutzbunker vor den Seekühen versteckte. Alles ist möglich, wenn das Zeitfenster nur groß genug ist.

Wenn Sie bereits jetzt den Kopf schütteln, mache ich darauf aufmerksam, dass die Erfindung der Zeitmaschine hier immer noch hypothetisch und möglicherweise rein fiktiv ist. Zudem spielt sie in der Geschichte ohnehin nur eine unbedeutende Nebenrolle, genau wie der Sohn von John Maynard Schulz, Henry, der irgendwann die Maschine unfreiwillig in Betrieb genommen hat. Dieser Neugierige Bengel.

Um zur Geschichte zu kommen. Das Wissen um John Maynard und seinem Sohn ist eigentlich schon wieder unwichtig. Unnötiges Wissen. Der eigentliche Protagonist ist nämlich Richard, der nur so heißt, weil Richard ein Name sein könnte, der in der Vergangenheit der besagten hypothetischen Zukunft ein zeitgemäßer Name hätte sein können. Dieser Protagonist namens Richard sitzt nun, also irgendwann, in der Vergangenheit der Zukunft des Sohnes von John Maynard Schulz an dem Punkt im Raum, an welchem hypothetisch später die Zeitmaschine stehen könnte, die Henry Schulz, dieser Bengel aus Neugierde bedienen könnte. Kommen Sie noch mit?

Nein? Gut, dann machen wir eine kleine Pause. Aber nicht zu lange, die nächste Eiszeit steht bereits vor der Tür. Vulkanausbrüche. Kontinentalplattenverschiebungen. Machen Sie es sich also bequem und halten Sie einfach den benannten Punkt im Raum im Auge. Haben Sie ihn? Genau beobachten. Vielleicht passiert ja bald etwas.

In der Zwischenzeit eine Lehrstunde. Eine dokumentierte Geistergeschichte aus dem Jahr 1897 beschreibt das Erscheinen und Verschwinden eines gespenstigen jungen Mannes, der plötzlich und seltsam gewandet neben dem Brunnen auf dem Dorfplatz stand und fragte: „Gott, was mache ich hier?“. Das hätten ihm weder die Dorfleute im Jahr 1897 beantworten können, die stattdessen schreiend davon gelaufen sind und an der Stelle des Erscheinens später eine Kappelle errichtet haben, noch das Wolfsrudel, welches 4000 vor Christus um ihn herum schlich und ihn beschnupperte. Nun, das Gespenst war Henry bei beim Versuch die Maschine zielgerichtet zu steuern.

Haben Sie den Punkt im Blick? Gut. Also. Zurück zu Richard. In dieser hypothetischen Geschichte ist er der letzte Intellektuelle seiner Generation. Auf der Suche nach einem tieferen Sinn im Leben befasste sich Richard zunächst mit der Physik, dann mit Philosophie, gelegentlich sprach er auch ein Gebet, was ihn aber auch nicht weiterbrachte. Er unternahm Reisen bis ans andere Ende der Welt. Nichts.

Richard fand lediglich heraus, dass sein Wissen mehr als linear zunahm. Von Jahr zu Jahr, über Dekaden hinweg häuft man nämlich immer mehr Erkenntnisse an. Exponentielles inflationäres Wissen. Ein Riesenberg an Information. „Der gesammelte Hirnschiss von Tausenden von Jahren Menschheit“, sagt Richard. Die einzelne Information wird in Relation zur Gesamtheit des Wissens so unbedeutend, dass sie alleingenommen keinen Sinn mehr macht. Man kann sie also getrost vergessen.

Früher war allein das Wissen ums Feuer machen oder das Drillen von Bogensehnen ausreichend um ganze Stämme und Völker überlegen und unbesiegbar zu machen. Heute ist schon Egal, ob man Vergisst wie ein Transistorradio funktioniert. In unserer hypothetischen Zukunft braucht man quasi gar nichts mehr wissen und der Sinn des Lernens ist bereits in Frage gestellt. Die Wissensinflation zehrt schneller den Wert des Erlernten auf, als man Neues dazulernen kann.

Übrigens. Über Wochen hörten Mitarbeiter eines Versicherungskonzerns im Jahr 1968 immer wieder böse Flüche aus der Wand Ihres Büroneubaues und weigerten sich seither ihren Arbeitsplatz einzunehmen, bis das Gebäude 1970 wieder abgerissen wurde und als das Dämonenbüro in die Stadtgeschichte einging.

Einer Dame erschien im Jahre 1973 ein junger Mann direkt auf dem Beifahrersitz Ihres 2CV als Sie auf dem Schotterplatz gegenüber der Kirche parkte und sagte nur „Scheiße, was ist dass denn?“ und verschwand wieder. Der Dame hat man die Geschichte bis 1990 nicht geglaubt, bis sie in einer Anstalt einsam verstarb. Es passieren eine Menge traurige Geschichten, wenn man nur lange genug seine Umgebung studiert. Aber auch diese traurige Geschichte ist eigentlich schon wieder unwichtig und kann getrost vergessen werden.

Wo wir gerade bei traurigen Geschichten sind. Haben Sie den Punkt noch im Auge? Möglicherweise taucht auch bei Ihnen etwas aus einer vergangenen, parallelen oder künftigen Zeit auf. Halten Sie eine Weisheit bereit. Denn merken Sie sich. Es sind die Reisenden, die auf der Suche sind.

Wo waren wir? Richard. Wenn man nun, wie Richard, als letzter Wissbegieriger, beinahe wie ein Auserwählter dem wahrscheinlich unwahrscheinlichsten und seltensten Wunder der Technik und dem phantastischen Phänomen einer Zeitreise eines Zeitreisenden begegnen darf, erwartet man eigentlich ein intellektuelles Erlebnis, den sehnsüchtig herbeigesehnten erlösenden Gewinn an Erkenntnis, eine magische Bereicherung, das große Gefühl, dass sich Zeit und Raum in einem wundersamen Kreis schließen mögen. Man wünscht sich so etwas wie Erleuchtung. Die göttliche Beantwortung aller Fragen. Man wünscht sich, man möge vor lauter Glück weinen. Eine Katharsis eben.

Tatsächlich guckt man aber nur in die leeren Augen und das ausdruckslose Gesicht eines debilen Bengels, der einen selber nur dumm fragt: „Was glotzen Sie so blöd?“. Dann merkt man, dass man die Lösung aller Fragen, die intellektuelle Bereicherung, die ganze Magie um Zeit und Raum und die Erleuchtung ohnehin nur bei sich selbst finden kann.
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(c) Denny Laquette 2017