Arbeitskollegen

Bürokaffee

Hast du es bemerkt? Die Schubladen gleiten seit heute besonders leise, da ich jede Rolle einzeln mit Nähmaschinenöl beträufelt habe. Ich denke unser Gemeinschaftsschreibtisch, an dem wir uns seit acht Jahren gegenübersitzen, befindet sich diese Woche in einem sehr gepflegten Zustand. Gestern habe ich deine Bleistifte gespitzt und deine Schreibtischunterlage abgewischt; mit dem kleinen Mikrofasertuch, welches ich extra dafür gekauft habe. Für deinen Monitor habe ich aus der Verwaltung einen dieser hellblauen Schutzbezüge besorgt, die du so schön fandest. Von zuhause habe ich eine kleine längliche Schale für deine Filzschreiber mitgebracht. Hochwertiger Kunststoff, Hochglanz poliert und mit kleinen verchromten Kugeln als Füßchen.
Mit einem Wattestäbchen hole ich die letzten Krümel und Flusen aus den Tastaturen unserer Computer und Rechenmaschinen. Mit einem befeuchteten Reinigungstüchlein lassen sich sogar die dunklen Verfärbungen von den Fingerabdrücken auf den Buchstaben der Tastatur entfernen. Man braucht nur unter leichtem Druck zu reiben. Unglaublich.
Auch unsere Telefonhörer reinige ich täglich. Einmal in der Woche benutze ich ein desinfizierendes, antibakterielles Spray an möglichen Kontaktstellen. In der Frühstückspause, wenn du deinen Kaffee trinkst, lese ich dir die Artikel über deine Lieblingsmannschaft aus meinen Sportzeitschriften vor. Später gebe ich dir die Hefte mit nach hause, damit dein Sohn die Fußballerposter heraustrennen kann.
Heute hast du Kuchen mitgebracht, den deine Frau gebacken hat. Apfelkuchen mit Vanillepuddingcreme. Wunderbar.
Wenn du zum Mittagstisch bist, gehe ich für dich ans Telefon und notiere alles was nötig ist. Aber wir arbeiten ja auch sonst Hand in Hand, bei uns im Büro. Unsere Familienfotos stehen Rücken an Rücken und unsere Frauen und Kinder starren immer gleich lächelnd in den Raum hinein. Herzzerreißend.
Auf der Fensterbank stehen meine Pflanzen, die du während meiner Urlaubszeit pflegst. Und als du gestern nach unten zum Kopierer gegangen bist, habe ich in deinen Kaffee masturbiert.
Deine zarte Haut

Deine Entzündungen an den Unterarmen? Das hat mir heute noch gefehlt.

Du liest mir Artikel über Neurodermitis vor und nervst mich mit irgendwelchem Schwachsinn über beruflichen Stress, der Hauterkrankungen hervorrufen kann.

Du telefonierst zehnmal in der Stunde mit deiner Frau, ob die dämlichen Befunde endlich da seien und ob sich ein Dr. Dingsbums gemeldet hat.

Zehn Ärzte und fünf Krankenhäuser sind genug, sagt sie.

Dass du dich gedulden sollst, sagt sie.

Dass sie dich liebt, sagt sie.

Ob du dich vielleicht falsch ernährst, frage ich.

Du kaust nervös auf den Fingernägeln, ohne jedoch das Telefon aus den Augen zu lassen.

Im Minutentakt hältst du deine Ellenbogen gegen das Licht der Schreibtischlampe. Dann legst du deine Hände ans Kinn und schielst über die Handrücken auf die Rückseite deiner Unterarme. Armer Junge, das sieht nicht gut aus.

Schorf über Schuppen über Eiter über blutiger Haut über rohem Fleisch, zusammengehalten von einer Schicht Cortisoncreme.

Verschreibungspflichtig.

Hochdosiert.

Napalm-Brandwunden sehen so aus.

In Vietnam.

Im Kino.

Ich schalte den Kuschelsender im Radio ein und massiere Dir den Nacken. Muskelverhärtung.

Du hast mit schwebenden Unterarmen, nur die Handballen aufgestützt, die Tastatur bedient.

Ich habe es probiert, nach fünf Minuten brannte die Schultermuskulatur so, dass ich aufhören musste.

Du hast einen ganzen Vormittag über dem Tisch geschwebt.

Tapferer Peter Pan.

Zumal es nun auch an deinen Handballen zu jucken beginnt.

Die Seuche, nennst du es.

Du musstest ja unbedingt arbeiten kommen.

In deinem Zustand.

Die Decke fällt dir zuhause auf den Kopf, sagst du.

Die Schmerzen hast du auch zuhause, sagst du.

Im Büro könntest du dich ein wenig ablenken, sagst du.

Ob dich deine Frau zuhause nicht mehr ertragen kann, frage ich.

Dein Mülleimer quillt über von eitergelben Wundauflagen und durchnässten Mullbinden. Zwei mal täglich übergieße ich sie im Hinterhof mit Waschbenzin und verbrenne sie für dich. Seuchenbekämpfung, nennst du es.

Jeden Abend reibst du die Hautreste von deiner Arbeitsplatte und morgens tränkst du sie wieder mit medizinischen Desinfektionsmitteln.

Dekontaminierung, nennst du es.

So etwas Dummes.

Jeden morgen muss ich meine spezielle kleine Chemikalienmischung aus Chlorreiniger, Beizpaste, Batteriesäure und Insektenvernichtungsmitteln neu auftragen.

Ganz dünn. So dass du nichts merkst.

Blumenliebe

Blumen. Ich liebe Blumen. Diese romantische Eigenschaft habe ich von meiner Großmutter. Ich besuche jede Gartenausstellung, kann an keinem Floristen vorbeigehen. Kaufe kleine Samentütchen, auf denen die ausgewachsenen Blumen in voller Blütenpracht abgebildet sind und sammle sie. Dass die Bilder gemalt sind, stört mich nicht. Ich habe Kunststoffboxen um die Samen trocken lagern zu können. Sie stapeln sich bereits bis zur Decke meines Schlafzimmers.
Auf die Rückseite von Polaroid-Bildern, die ich von Blüten aufnehme, schreibe ich mit einem wasserfesten Folienstift die Namen der Blumen, natürlich auch die lateinischen Bezeichnungen. Das ist ganz besonders wichtig. Die Fotos klebe ich in das passende Album. Die Alben füllen ganze Regalwände.
Aus Zeitschriften schneide ich Blumenbilder aus und archiviere sie nach Arten und Farben. Dafür habe ich entsprechende Mappen angelegt. Die Rücken dieser Mappen entsprechen farblich deren Inhalten.
Jeden Freitag kaufe ich zwei Sträuße Blumen.
Schnittblumen.
Langstielige Schnittblumen.
Man muss die Stiele anschneiden und kurz in kochendes Wasser halten, um sie dann wiederum in frisches eiskaltes zu stellen. Wichtig ist, täglich das Wasser zu wechseln.
Die Blüten regelmäßig mit einem leichten Wassernebel besprühen, damit diese nicht austrocknen. Trockenblumen können auch schön sein, wenn die Pastelltöne der Farben stimmen.
Es ist eine Kunst Trockenblumen herzustellen. Ich versuch mir diese Kunst anzueignen.
Abends lerne ich die Bezeichnungen, Arten und Gattungen der Blumen auswendig und übe aus dem Kopf die stilistischen Besonderheiten aufzumalen. Stängel, Stempel, Blätter, Pollen, Wurzeln, alles.
Monatlich kommen die Zeitschriften „Rosenkavalier“, „Meine Flora“ und „Blumenwelt“ im Abonnement, jeweils bis zu 100 Seiten feinster Blütenerotik.
Masturbationsvorlagen für Floralfetischisten, sagst du.
Ja, ein Floralfetischist, vielleicht bin ich das.
In meiner Zwei-Zimmer-Wohnung ist bald kein Platz mehr, es duftet wie in einem Bordell.
Ein Bordell für Bienen.
Für Hummeln.
Die Ursprünglichste Form der Sexualität ist die von den Blumen und den Bienen.
Schon mal davon gehört? Jeder weiß das. In der Schule lernt man das.
In meinem liebsten Traum bin ich eine solche Biene.
Träume.
Und dann kamst du, mit dieser schmierigen Tüte vom Gartencenter.
Orchideen.
Zwei Stück stehen jetzt auf deiner Fensterbank. In flachen, glasierten Schälchen, die wie Kasserollen für Lasagne aussehen.
Artgerecht, sagst du.
Orchideen.
Nur ein wenig Humus und ein Tröpfchen Wasser, sagst du.
Keinen Dünger, sagst du.
Auch noch genügsam, was, frage ich.
Orchideen.
Namen hast du Ihnen gegeben. Jimbo und Jambo. Gut gemacht.
Klingt nach Urwald, sagst du.
Das sind Affennamen, sage ich.
Orchideen.
Wie zwei Synchronschwimmerinnen, blicken sie Im Tagesverlauf der Sonne hinterher, deine kleinen Affen.
Urwaldaffen mit Affennamen.
Hängen von Bäumen. Geifern.
Orchideen.
Ich hasse sie.
Orchideen sind keine Blumen, es sind Epiphyten. Dreckige Untermieter des Urwaldes.
Überflüssig.
Schmarotzer halt.
Wie du. Affe.
Bei der nächsten Gelegenheit werde ich sie mit meinem Blumendünger überfüttern, deine Affen.
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(c) Denny Laquette 2017