11:55

Es muss so etwa 11.55 Uhr gewesen sein, als es oben auf dem Dachboden laut schepperte und krachte.

Kurz darauf fielen ein paar Dachziegel oder Splitter davon, am Fenster vorbei. Ihnen folgten Fetzen von Glaswolle und Isolierung und dann sanken Schneeflocken aus weißen Federn vorbei, segelten sanft zu Boden und hüllten den Vorgarten in eine Schneelandschaft.

Dann gegenüber, quietschende Reifen.

Etwas Weißes stürzte auf die Straße, direkt vor einen herannahenden LKW und explodierte in einem Ball aus Federn, wie ein aufgerissenes Oberbett.

An der Hochspannungsleitung im Park hing bereits etwas anderes Weißes und der Wind blies eine Wolke aus Federn weit über das Land.

Für Sekunden dachte ich an das Märchen mit Frau Holle, hörte dann aber weitere dumpfe Einschläge in Nachbarschaft.

Am Horizont regnete es weiße Kissen. Vögel? Körper?

Auch in dem Teich in Nachbars Garten landete ein Schwan, der aber keiner war, trieb bauchlinks. Regungslos.

Die Dachrinne vom Nachbarhaus, weiß. Wie ein aufgetürmtes Daunenbett.

Vor dem Fenster weitere Federn, große und kleine. Kissenschlachten sehen so aus. Schneegestöber. 

Erst jetzt realisierte ich, dass ja auch unser Haus getroffen sein musste, und wir mitten drin waren, in diesem federweißen Mysterium.

Von Neugier getrieben aber vorsichtig und mit dem nötigen Respekt ging ich hinauf auf den Dachboden und suchte die Ursache für den Krach.

Auch hier, Schwebenden Daunen. Draußen folgte ein Einschlag dem nächsten, doch hier klang es nur dumpf, wie in einem Kissen.

In der hinteren Ecke war das Dach auf etwa zwei mal zwei Meter komplett eingebrochen und man konnte in den unschuldig blauen Himmel blicken. Und dort, im hereinfallenden Sonnenlicht lag ein Engel.

Zumindest sah er so aus wie ein Engel, oder wie man sich einen Engel vorstellt.

Seine zarte Statur, sein Gesicht, wie Porzellan, seine Haut wie Pergament. Und blauen Augen, die silberne Tränen weinen. So konnte nur ein Engel sein. 

Als er mich bemerkte, hob er mahnend seine blasse Hand und verkündete mit seinem letzten Atemzug, „dass es aus ist" und "dass wir alle am Arsch sind“. 

Ja, so war das, fünf Minuten vor Zwölf.
Druckversion Druckversion | Sitemap
(c) Denny Laquette 2017