Anmerkung der Redaktion: Denny behauptet, dieser Bericht würde beinahe täglich erweitert. Da wollen wir aber mal nicht übertreiben. Nicht wahr, Denny?

Eintritt auf eigene Gefahr. Noch können Sie umkehren. Bedenken Sie, die Türen sind magnetisch verriegelt. Was drin ist bleibt drin.

Absinthklinik

Dein Patientenbericht, dein verdammter Patientenbericht.

Du wirst feststellen, dass du hier besser aufgehoben bist. Und nicht nur, weil du hier geschützt bist. Vor dir selbst.
Hier, hinter den magnetisch verriegelten Türen, mit den lustigen Bildchen. Fix und Foxi aus Fingerfarben.
Hier, zwischen dem Sabber auf dem Fußboden und den Tomatensoßenspritzern an der Decke.
Hier, zusammen mit den anderen Idioten und deinen Medikamenten. Sieben Tabletten, drei mal am Tag.
Dein pharmazeutischer Pegel. Dein Rückzugsgebiet. Dein Urlaubsort. Dein Refugium. Deine Sommerresidenz, dein Winterquartier.
Deine warme weiche Höhle aus Matratzen und deinem Kinderbettchen. Dein Zuhause.
Alle 14 Tage Postkarten an deine Mutter. An Freunde. Arbeitskollegen.
Panoramapostkarten. 4-Farb-Druck.
Bergidylle, Obersalzberg. Gletscherblick.
Du schreibst: "Mutter, es geht mir gut. Bin wieder die ganze Woche als Skilehrer unterwegs gewesen. Das Essen ist phantastisch. Viel gesunde Milch und Bergkäse. Frisches Brot".

Deine verdammten Lügen bringen dich eines Tages um.

Die Pfleger tragen ihre gelben Haushaltshandschuhe und die Einweg-Überziehjacken aus Plastikfolie.
Mittagszeit.

Dein Vater ruft dich an und weint dir vor, wie entsetzt und niedergeschlagen deine Mama ist. Fragt dich, ob zu Fortschritte machst. Ob das Essen gut ist.
Du hörst wieder einmal nicht zu und starrst in den vandalismusgeschützen Fernseher, der unter der Decke hängt. Dort läuft die Bibermutter zu ihren Jungen in ihren Bau. Sie reiben sich aneinander, die kleinen nackten Würmchen.

Die Piktogramme über den Türen sagen dir, wo du hingehörst. Hier gibt es keine Nummern. Nur kleine Bilder.
Die kann sich jeder merken. Auch du.
Das Bärchenzimmer, das Apfelzimmer, das Autozimmer.
Das Kätzchen vom Kätzchenzimmer ist schon ganz verblasst, vom ständigen Streicheln.

Vor dem Fahrradzimmer steht ein Absinther und immitiert eine Fahrradklingel an einem imaginären Lenker. Vor dem Kätzchenzimmer hockt ein Anderer und bellt wie ein Hund.
Das Treiben kann nur mit einer mittleren Sprühdose Pfefferspray beendet werden.

Du hast das Blumenzimmer. Weißt du das noch.
Und davor steht ein Idiot von Station 4, Sicherheitsbereich A, und riecht an deinem bunten Blumenpiktogramm.
Du drückst ihn mit der Nase gegen die Türe bis es knackt.
Wenn du Glück hast, kommst du dafür zur Strafe einen Tag in die Sonderzelle in Bereich B.
Dort hat die Überwachungskamera bekanntlich einen toten Winkel und du kannst nach Lust und Laune an dir herumspielen.

Mit deinem blauen Armbändchen darfst du auch in Sicherheitsbereich C, den sensiblen Eingangsbereich.
Dort kannst du zusammen mit Herrn M. die Besucherinnen hinter der Besucherglasscheibe schockieren.
Dich ganz nah heranstellen und vor der Scheibe onanieren. Dann wild feixend herumspringen, wie es Idioten angeblich so tun.
Die Arme und Köpfe baumeln lassen, wie die geköpften Zombies.
Das Spielchen mitspielen. Dazugehören.
Später auf der Station mit feinem Damenbesuch prahlen.

Der Zugang zum Dach ist zusätzlich zweifach verschlossen, seitdem du versucht hast, die alte "Rettet das Kätzchen vom Dach"- Nummer aufzuführen. Und das nur, um angeblich an den Beschützerinstinkt zu appelieren.
Die Seelen der Mitpatienten zu öffnen.
Einfach mal den Clown zu machen.
Der Winkel zum Absprung auf das Feuerwehr-Sprungtuch war leider mehr als ungünstig.
Seitdem ist dein linker Arm etwas kürzer als der Rechte.

Eine neue Therapeutin verunsichert dich und deine ganze verdammte Station.
Ihre glänzenden schwarzbraunen Haare, ihre langen Beine, die blauen Augen und nicht zuletzt ihr Duft nach Deep Red For Women von Hugo Boss, macht euch alle verrückter, als ihr es ohnehin seid.
Der Duft, den du schon als Pröbchen in einer Illustrierten kennengelernt hast.
Den du in dich aufgesogen hast. Tief in deine Lungen inhaliert.
Weißt du es nicht mehr, die Probe war in dieser Zeitschrift, in welcher du allen Gesichtern die Augen herausgekratzt hast.
Deine Therapeutin sagt, daß du leider nicht mehr selber entscheiden darfst,
ob du hier wirklich hingehörst oder nicht.
Spricht davon, daß es von Gesetzwegen egal ist,
ob du dies nun als Richtig empfindest oder nicht.
Weist darauf hin, daß du praktisch ein Gesetzloser bist.
Du bestehst aber darauf, daß sofort ein Staat, mit absoluter Gerechtigkeit für jeden,
gebildet wird. Sofort.

Du blendest aus und das kalte Wasser läuft über den Absinthlöffel mit dem Zucker ins Glas.
Du bist das Gesetz.

Nur wenige Gänge sind für die Besucher freigegeben. Die Neuen. Die Sauberen.
Die Gänge ohne die Zwangsentkleider und Zwangsmasturbierer. Wie du einer bist.
Der Sicherheitsbereich D, der Trakt der blauen Flecken, wie ihr ihn nennt, der bleibt natürlich verschlossen.
Eure Pfleger wissen wie man euch im Zaum halten kann. Pfefferspray und Elektroschocker, dezent unter den Kitteln versteckt.
Zum Vorschnellen bereit.
Herzlich willkommen.
Deine Frau will die Eigenbeteiligung für den Heimbeitrag nicht mehr bezahlen.
Die Krankenversicherung droht mit Pfändung.
Das kleine bunte Kartenhaus deines bürgerlichen Lebens beginnt zu schwanken.
Deine Frau sagt, den zweiten Rückfall hättest du dir selber zu zuschreiben.
Du fragst, "welche Frau?" und ein wenig schaumiger Sabber läuft dir die Wange herab.

Im großen Saal werden kontrolliert Bastelmaterialien ausgegeben.
Jedes Stück wird schriftlich fixiert und quittiert.
Es gibt nicht-toxische Wachsmalstifte und Pergamentpapier, lösemittelfreien Kleber und Bio-Tonpappe.
Aber nur freundliche Farben. Gelb. Grün.
Hell. Helle Mutmacher.
Schwarz und Braun können frustieren. Die Stimmung senken.
Tödlich enden.
Kein Teil darf länger oder härter sein als vorgeschrieben.
Mancher von Euch versucht einfach alles zu konsumieren, zu inhalieren,
zu essen oder es sich sonstwo reinzustecken.
Du schneidest mit der stumpfen Plastikschere die Form eines Absinthlöffel aus und legst ihn über deinen Becher.
Und es ist wieder da, das Gefühl.

Ihr bastelt lustige St.Martins-Laternen für den Basar. Guter Zweck inklusive.
Laternen, die wie Comicfiguren aussehen, oder wie Obst. Äpfel aus grüner, Tomaten aus roter Pappe. Kleine Häuschen. Entchen.
Mütter kaufen so etwas.
Ihr hinterlasst eine fürchterliche Sauerei und die Pfleger haben meist schon eine lange Doppelschicht hinter sich.
Die klebrigen Pappschnipseln türmen sich zu einem riesigen Berg.
Die Stimmung beginnt zu kippen.
Du wagst es, nach Kerzen und Feuerzeug zu fragen, um deine Laterne auszuprobieren.
Dies wird als akute Gefährdung gewertet und du bekommst deine Dosis Pfefferspray und ein paar dutzend Elektroschocks.
Deine Laterne wird vorsorglich klein gerissen.
Subversives Element.

Am Abend, wenn die Türen verriegelt sind und das Licht der Straßenlaterne
durch die Vorhänge scheint, ist dein Zimmer in grünliches Licht gehüllt.
Deine Bar. Sie erwacht.
In dir.

Du setzt dich auf die Bettkante und prostest mit der leeren Hand deinem Schatten zu.
Freunde. Für immer.

Um 10 Uhr hast du deinen täglichen Therapietermin. Du bist wie immer überpünktlich,
aber dein Doktor telefoniert noch.
Zeitverschwendung, sagst du.
Der Doktor hat den Hörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt und kratzt sich
mit dem Brieföffner etwas Schwarzes unter dem Fingernagel hervor. Der internationale
gebärdensprachliche Ausdruck für schwere körperliche Arbeit.
Indem er abwechselnd auf den Telefonhörer und seine Uhr tippt, sagt er dir, dass es noch eine Weile dauern kann.
Du klopfst mit den Zeigefingern einen Rhythmus auf der Tischkante und wartest.
Nimmst dir ein Bonbon und ein zweites.
Zählst die Furnierschichten der Tischplatte. Vierzehn, fünfzehn, sechzehn.
Bis dein Doktor plötzlich das Bedürfnis verspürt, dich einzuweihen und das Telefon auf die Freisprechfunktion schaltet, so dass du über den kleinen stoffbezogenen Holzlautsprecher alles mithören kannst.
Es soll dir zeigen, dass es in deinem Fall kein Problem darstellt.
Das Du sowieso nur ein Idiot bist.
Hier wahrscheinlich nicht mehr heraus kommst um etwas zu verpetzen.
Ärztliche Schweigepflicht gilt nicht für Idioten.
Höre ruhig alles mit, denn hier sind die Idioten unter sich.
Familienfest, Klassentreffen, Jahreshauptversammlung und Kongress für Gehirnakrobaten.

Im neuen Flügel gibt es auch einen Aufzug. Ein Novum für eure Anstalt.
Du stehst regelmäßig mit offenem Mund davor und bist immer auf ein Neues überrascht.
Beobachtest die Digitalanzeige, die rot leuchtend die Etagen rauf- und runter zählt.
Beschäftigungstherapie für die Augen.
Gestern benutzten zwei Pfleger den Aufzug um einen Absinther in den Sicherheitsbereich H
zu verlegen, den Bereich für die Beißer und Würger. Für die Augenkratzer und Armauskugler.
Irgendwo zwischen dem ersten und vierten Stock muß der Aufzug dann stehen geblieben sein.
Ganz plötzlich. Ohne Vorwarnung.
Drei Stunden lang hörte man die Pfleger in dem Schacht schreien.
Dann verstummten sie.
Für immer.
Die Fahrstuhltechniker dürfen die automatischen Türen erst nach Eintreffen der Kripo öffnen.

Die Beschwerdewelle reißt nicht ab.

Ehemalige Patienten und Absinther streben eine Sammelklage gegen die Klinik an.
Misshandlungen und unhaltbare Zustände.
Was immer das bedeuten soll.
Die Anstaltsleitung bekommt heute Besuch von einer Kommission, die die Vorfälle untersuchen soll. Lückenlos.
Was immer das bedeuten soll.
Jetzt gilt es, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Beweise vertuschen und die Schwätzer zum Schweigen bringen.
Was immer das bedeuten soll.
Zusammen mit zwanzig anderen potentiellen Quertreibern wirst du vorsichtshalber in den gemauerten Gewölben unter dem alten Kohlenkeller eingesperrt.
Hinter euch wird der Treppenabgang mit einer kiloschweren Stahlplatte verschlossen.
Darüber wird ein Lagerplatz für alte Matratzen angelegt. Zwanzig Stück hoch und zwanzig breit.
Schallabsorbierend.
Selbst mit vereinten Kräften könnt ihr die Platte nicht mehr hoch drücken.
Stunden vergehen.
In der hinteren Ecke des langen Gewölbes findet einer von euch durch Zufall die ehemalige Asservatenkammer der Klinik. Meterhohe Regale mit Kisten und Körben. Darunter auch eine Karton mit Grüner Fee.
Ihr seid wieder im Geschäft.
Die Zukunft hat begonnen.

Die Putzkolonne hat einen Eimer mit Politur auf dem Gang vergessen. Ein fataler Fehler
Marion, die Beißerin aus der C, hat direkt den Kopf rein gesteckt.
Als die Pfleger sie wieder herausgezogen haben, hatte sie bereits einen halben Liter ausgetrunken.
Zumindest fehlte angeblich soviel in dem Eimer.
Auf der Station gibt es dafür zum Glück diesen Schlauch, du weißt schon welchen.
Es war fast so schlimm, wie die Sache mit dem Waschbenzin. 1998. Nur klebriger.

In der Adventszeit darfst du für ein paar Tage nach Hause.
Familiäre Geborgenheit fördert den Wiedereingliederungsprozess, sagen deine Ärzte.
Betreutes Wohnen mit Geheule, nennst du es.
Deine Frau holt dich am Hauptportal ab.
Du trägst die Klamotten, die du bei Einlieferung hast abgeben müssen.
Sie riechen noch genau so, als hättest du sie gerade erst ausgezogen. Absinth, Urin, irgendwas.
"Waschen hättet ihr sie können", brüllst du beim Herausgehen den Pförtner an.
Dein Frau zerrt dich am Arm hinaus. Sie trägt jetzt feine Hosenanzüge. Und einen Minivan hat sie gekauft.
Schwarzmetallic. Sechs Sitze. Leder.
"Toll", sagst du, "und wer soll da alles sitzen?".
Sie sagt, dass Jean-Claude ebenfalls zwei Kinder mit eingebracht hat und dass deine Kinder mittlerweile auch zu ihm Papa sagen.
"Wo mit eingebracht?", fragst du.
"Und wer zum Teufel ist Jean-Claude?"

Unter deinen Fingernägeln wieder Blut und Haut.
Haare auf deinen Schultern.
Alles juckt dir und deine Kopfhaut brennt wie Feuer. So muß sich Batteriesäure anfühlen. Oder Brandbeschleuniger.
"Napalm. Überall", sagst du.
Du läufst den Gang auf und ab, mit den Händen am Kopf. Kratzt dich. Immer wieder.
Schmierst dein Blut an die Wände und Türen, die sie im Stundentakt hinter dir wieder abwischen.
Du reißt dir die Haare aus. Diese Nadeln in deinem Kopf. Fremdkörper.
Bis du kahl bist. Wie ein Papagei im Käfig.
Sie unterstellen dir, dass du nur simulierst um deine Dosis erhöht zu bekommen.
"Lasst ihn ruhig kratzen", sagt der Oberarzt.

Der Rechtsanwalt deiner Frau schreibt dir.
Du versuchst das Schreiben zu verstehen.
Nichts als verworrene Sätze. Krypische Chiffrierungen.
Der Pfleger sieht, dass du mit dem Text überfordert bist und fragt dich, ob du einen Vormund hättest.
Jemand, der für dich unterschreiben kann.
"Meine Frau", sagst du.
Der Pfleger schielt auf den Brief und meint, dass dies in diesem Fall keine gute Idee wäre.
"Mein Frau", beteuerst du.
Der Pfleger sagt, es ginge nicht.
"Meine Frau", brüllst du durch die Gänge.

Sei drei Tagen malst du ununterbrochen die Zahlen 666 auf Tische, Wände und Böden.
Mit Blut. Deinem Blut.
An die Fenster sogar in Spiegelschrift, damit man es von der Straße lesen kann.
Die Ärzte und Pfleger sind mehr als beunruhigt.
Einige Schwestern weigern sich zur Arbeit zu erscheinen.
Das ist normal, beruhigt der Anstaltsgeistliche, du würdest nur wieder versuchen
den Besuch eines Exorzisten herauszuschinden.
Er steckt sich eine Zigarette an. Lord. Die Leichten.

Du wünscht dir zu Weihnachten einen kleinen Hund.
Einen Freund. Zum Liebhaben.
Du würdest ihn "Rocky" nennen, sagst du.
"Tiere is nich", sagt der Pfleger und überreicht dir einen Christstollen,
eingeschweißt im Kunststoffbeutel.
Du beißt feste hinein, genau in der Mitte, knurrst und schüttelst so lange den Kopf,
bis sich der Beutel öffnet.
Dann leckst du die Krümel mit den Rosinen vom Boden, ohne die Hände zu benutzen.
Wenn du ein Stück Marzipan erwischst, bellst du laut auf, "Rocky. Guter Junge."
Die Hand des Pflegers streichelt in der Tasche zärtlich den Elektroschocker.

Dein ganzer Raum voller Fliegen.
Fliegen an den Wänden, an der Decke. Auf dem Fußboden.
Alles ist schwarz. Bewegt sich. Brummt.
Du erklärst die Fliegen zu deinen Freunden.
Sagst, deine Freunde würden dich inspirieren.
Zur Kunst.
Und Kunst lockt weitere Freunde an. Wahre Kunstkenner.
Du lädst zu deiner nächsten Vernissage.
Kunst im Sicherheitsbereich C.
Körperkunst. Kunst, die aus Körpern kommt.
Fakälgemälde.
Überall.
Übergroß.
Fliegenparadies.
Die Studenten der psychologischen Fakultät starren mit offenen Mündern durch die Scheibe und notieren.

Frühapell.
Die Pfleger klären euch noch vor dem Frühstück über ein neues Bestrafungssystem auf.
Vorgabe von ganz oben.
Jeder bekommt ab heute ein Punktekonto.
Für jede Zuwiderhandlung gibt es einen, zwei oder drei Punkte. Wie in Flensburg.
"Ab 12 Punkten gibt´s Keule", droht einer der Pfleger.
Du rechnest bereits im Kopf aus, wie du deine Punkte sinnvoll investierst.

Dein Kopf sinkt dir schwer in deine Hände.
Reue.
Für alles was du dir und deiner Familie angetan hast.
Reue.
Für die endlosen Debatten über das Trinken.
Für deine Maßlosigkeit.
Deine Arroganz.
Dein Kopf wird schwerer und schwerer.
Du stützt deine Arme auf deine Knie.
Tränen laufen wie Bäche deine Unterarme herab und sammeln sich in Pfützen auf deiner Hose.
"Scheiß Heulerei", faucht ein Mitpatient und zieht dir die Hände unter dem Kopf weg.
Wunderbar.
Denn schon hast du eine neue Aufgabe.
Rache macht einen leichten Kopf.

Donnerstag. Im Speisesaal ist heute Musikabend.
Die Pfleger stellen den kleinen Plastikplattenspieler mit den herausklappbaren Boxen auf.
Jeder kann sich etwas wünschen.
Es bleibt aber immer bei den üblichen Platten.
"Die M-M-M-oldau", stottert ein Mitpatient,
"von SM-SM-SM-M-M-Smetana", stottert er hinzu.
"Halt die Fresse", brüllst du ihn quer durch den Saal an und forderst lauthals Led Zeppelin. Das zweite Album.
Die Pfleger legen dennoch wieder Peter Kent auf.
Discofox.
Keine Experimente.
Du nimmst ein Stück Marmorkuchen und formst mit der Zunge im Mund einen dicken Teigklumpen.

In der Klinksprache gibt es spezifische Bezeichnungen für auffällige Patientengruppen.
So gibt es zum Beispiel die Beißer, die Armauskugler, die Heuler, die Hundebeller und die Entkleider.
Die Entkleider haben den Zwang, sich immer und überall ihrer Kleidung zu entledigen und nackt durch die Gänge zu rennen.
Wie die Flitzer, nur ohne die politisch anarchistische Botschaft.
Du zählst dich seit kurzem selber zu den Entkleidern. Voller stolz.
Du zeigst allen deinen blanken Hintern und behauptest du hättest die supermoderne Durchblick-Röntgenhose an.
Das Problem ist, jetzt wollen alle anderen auch eine.
Die Pfleger vergraben vor Verzweifelung ihre Gesichter in ihren Händen.

Seit Wochen versuchst du die Funktionsweise der magnetischen Türe zu analysieren.
Du beobachtest die Pfleger und die Putzkolonnen, die ein- und ausgehen. Kein Ergebnis.
Zwei Altpatienten behaupten heute, die Türe sei für den Brandschutz der Patienten eingebaut worden.
Die Türe soll sich im Brandfall automatisch öffnen.
Damit ihr nicht gegrillt werdet, wenn die Pfleger vor einem Brand flüchten oder bereits im Rauch erstickt sind.
"Sehr interessant", hauchst du über deine angekauten Lippen.

Seit Freitag dürft ihr jeweils für eine halbe Stunde den Computer nutzen.
Richtig, den mit der vandalismusgeschützten Tastatur und dem Bildschirm hinter Glas.
Damit ihr keinen Früchtetee hineingießt, heißt es.
Vielmehr soll es verhindern, dass ihr wieder einzelne Buchstaben der Tastatur herausbrecht und herunterschluckt.
Du suchst im Internet nach Nacktbildern von Patsy Kensit oder besser noch von Wendy James.
Die Voreinstellungen lassen aber leider nur ein paar ausgewählte Seiten zu.
Du wählst Hagenbecks Zoo. Die Webcam vom Elefantenhaus.
Du sitzt deine 30 Minuten davor und hoffst der Elefant könnte einen Pfleger fressen.
Da steht er nun mit seinen 60 Zoll. Der funkelnde Plasmabildschirm,
als neuer Fernseher im Gemeinschaftsraum. Gespendet von irgendwem.
Von jemandem, der ein großes Herz hat. Jemandem, der Spendenquittungen braucht,
oder einfach nur ein schlechtes Gewissen hat. Vielleicht kommt er sogar von deiner Frau.
Das ist ein Fernseherlebnis, dass euch die Münder aufstehen. Noch mehr als üblich.
Ihr sitzt alle gebannt davor und stampft mit euren Füßen im eigenen Sabber.
Ihr dürft eine Reportage sehen, etwas über Korallen und wie sich Delphine paaren.
Du rufst aus der hinteren Reihe, „Wie ein Tor zu einer anderen Welt!“.
Das hättest du nicht machen sollen.
Die restlichen Teile des zerstörten Gerätes werden in einer halben Stunde abgeholt.
Und für Harry, euren Springer, ist es nicht die erste Kopf-OP. Wird schon.
Ein paar der Jungs überlegen, wen sie nun dafür bestrafen, dich oder Harry.

Dein Pfleger besteht darauf, dir die Fußnägel zu schneiden.

Sie sind lang, gelb und hässlich, behauptet er.

Sie sind alles was du hast, sagst du.

Du könntest dich oder andere damit verletzen, warnt er.

Du bittest ihn, sie wenigstens selber abkauen zu dürfen. Der Ehre wegen.

Angewidert stimmt er deiner Idee zu.

Du setzt dich in die hintere Ecke deines Zimmers und beginnst dein grausiges Werk. Nie warst du dir so nah. Eins mit dir selbst.

Da ist er. Der Beipackzettel deines Medikaments. Seitdem er deinem Pfleger aus der Tasche gefallen ist, studierst du intensiv alle möglichen Nebenwirkungen.

Schwellende Füße, Auslösung von Halluzination, Vergiftete Brunnen. Alles dabei.

Du rechnest dir im Kopf aus, wie viele Tabletten du in der Backentasche verstecken und in deiner Matratze sammeln musst, um zu gegebener Zeit loszuschlagen.

Du prahlst damit, dir sei ein mächtiges Schwert in die Hände gefallen.

„Red nur“, lächeln die Herren in weiß.

„Ein mächtiges Schwert“, wiederholst du laut.

"Das menschliche Gehirn ist der leistungsfähigste Computer der Welt", trägt ein Professor im blauen Anzug vor, "leider spielt Ihnen ihr Gehirn gelegentlich einen Streich".

Ihr folgt dem Vortrag mit offenen Mündern.

"Es gilt, Ihre Gehirne wieder auf die richtige Spur zu bringen", führt er fort und preist sein neues Medikament an. Focusamin-S. Irgendwas.

Auf dem Overhead-Projektor fügen sich einzelnen bunte Folien zu einem bunten Kuchen.

„Ein Medikament, das Ihrem Hirn sagt, mach es wie die anderen Hirne!“.

„Das ist es!“, brüllt einer, „Ein ganz normales Hirn“.

„Ein Supercomputer “, rufst du.

Dann springst du auf und forderst lauthals das Formular auf welchem du unterschreiben sollst.

Und schon bist du drin, in der Mühle.
„Ordnung ist das halbe Leben“, steht auf dem Schild, welches die Pfleger von der Frühschicht im Speisesaal aufgehängt haben. Direkt neben dem Fernseher, so dass jeder gezwungen ist, es zu lesen.

„Und die andere Hälfte ist ein Scheißchaos, oder was?“, fragt einer der Patienten.

Daraufhin teilst du das Mittagessen auf deinem Teller mit einem Karateschlag.

Die linke Hälfte aus Hähnchen mit Kartoffeln, Erbsen und Möhrchen verreibst und zermanschst du auf der Tischplatte.

Die andere Hälfte liegt noch ordentlich auf dem Teller mit dem bunten Aufdruck.

Herzchen. Bärchen.

„Hier. Bitteschön“, sagst du trotzig und verschränkst deine Arme vor der Brust.

Ein Dutzend Anwälte drängen sich zu dir in das kleine Besucherzimmer und fordern dich auf, eine Erklärung zu unterschreiben.

Eine reine Formalität, sagen sie.

„Damit bestätigen Sie, dass sie Focusamin-S freiwillig ausprobiert haben.“, erklärt ein Anwalt mit rahmenloser Brille.

„Sie quittieren, dass sie nicht beeinflusst worden sind.“

Du fragst, ob sein Anzug aus Flanell sei.

„Im Gegenzug erhalten sie Zuwendungen im Wert einer Eigentumswohnung“, sagt ein anderer.

Du fragst, ob du auch so einen Anzug haben kannst und ob er maßgeschneidert ist.

„Bargeld. Im Wert einer Wohnung“, bekräftigt ein Dritter.

„Ich möchte auch so einen Anzug“, schwärmst du.

„Den bekommen sie gratis dazu!“, ruft einer aus der letzten Reihe, „Gratis. Obendrauf!“

Du stellst dich hin, tippst mit dem Finger auf den Vertrag und forderst: „Nein, ich will nur den Anzug!“.

„Schon recht“, sagt der Herr Anwalt mit der rahmenlosen Brille und reicht dir seinen Füllfederhalter.

Seit zwei Wochen nimmst du nun schon Focusamin. Drei mal am Tag. Du behauptest, es ginge dir besser als je zuvor. Du wärst frei im Kopf, sagst du.

Du wärst nun wie ein Schachcomputer, nur besser.

Du wärst der Kasparow der Anstalt, nur schneller. Du bittest jeden, dir eine Rechenaufgabe zu stellen.

Eine richtig schwere. Sieben mal acht, kein Problem. Fünfundzwanzig durch fünf, Puppig. Zwölf mal irgendwas. Bei Aufgaben im Hunderterraum verlässt dich jedoch auch dein Focusamin.

Du wartest nun schon vier Stunden vor der Türe des Stationsarztes, damit er deine Dosis erhöht.
Für den monatlichen Malwettbewerb sollt Ihr euch alle so malen, wie ihr es euch erträumt.

„Traumbilder“, schwärmt die Dienst habende Psychologin.

„Kinderkacke“, schimpfst du und malst zum Trotz einen riesigen schwarzen Kringel.

Mehr nicht.

Darunter schreibst du mit roten, tropfenden Buchstaben: „Das Tor des Todes“.

Dann behauptest du, es sei eine Kunst, die Schrift so aussehen zu lassen, als sei sie mit Blut geschrieben.

„Kunst kommt von Können“, prahlst du und forderst eine angemessene Bewertung.

Den ersten Platz macht aber eine Elfe auf einem Einhorn und sichert sich damit einen Platz unter der großen Uhr im Speisesaal.

„Kinderkacke“, brüllst du erneut und steckst deinen Kopf durch den schwarzen Kringel.

WIRD FORTGESETZT
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(c) Denny Laquette 2017