Ein kreatives Haus
Eine
wandfüllende Bibliothek bis unter die Decke, Bücher in kniehohen Stapeln.
Und das überall im ganzen Haus. Einzelne Bücher aufgeschlagen
und markiert.
Ein Berg von Manuskripten auf Tisch und Boden, von Hand
beschriebenes Papier mit kleinen Skizzen, korrigierte Schreibmaschinenseiten mit Illustrationen.
Vaters Wutausbrüche in Tintenklecksform an der Wand.
Federkratzer und Löcher von
Kugelschreibereinschlägen in der Lederarmlehne. Für die
Nachwelt dokumentierte Geisteszustände.
Unter dem Dach ein Atelier mit einem Fußboden aus
Ölfarben. Schillernd in allen Schattierungen.
Berge ausgedrückter Farbtuben. Eine Sammlung vergessener
Pinsel in ausgetrockneten Gläsern.
In allen Ecken Leinwand aufgespannt in Rahmen, aufgereiht
wie Dominosteine.
Auf einer Staffelei der schraffierter Vorentwurf eine
gebeugten Frau mit einem Affen auf dem Rücken.
Mutters Selbstbildnisse. Für die Nachwelt dokumentiere
Gefühlszustande.
Durch die Dachfenster fällt ein wenig bräunliches Licht.
Geputzt hat hier noch niemand,
aber irgendjemand spielt immer Klavier. Klarinette.
Violine. Hier in diesem Haus
Ein um sich selbst drehendes Mutter-Universum in einer weit
entfernten Vater-Galaxie.
Ein wunderbares Umfeld für ein Kind. Ein kreativer Ort.
Ein Startplatz und Ausgangspunkt um
einen richtigen Beruf zu erlernen. Um Anwalt zu werden.
Besser noch Staatsanwalt,
sich nachträglich das Recht auf eine Kindheit einzuklagen.
Eine Kindheit mit einem Buch, dessen Zeilen noch keiner
analysiert hat.
Eine Kindheit mit ein Blatt Papier und einem Bündel
Filzschreiber, einfach nur um Kringel zu malen.
Etwas, was keinen Anspruch hat. Etwas ohne Wert.
Eine Kindheit, in der nicht schon alles ersonnen und
hinterfragt wurde. Vielleicht eine Kindheit mit einem Hammer.
Darauf einzuschlagen. Immer wieder.